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Die Vermessung der Schuld per Drohne

Zwei völlig zerstörte Fronten, zerfetzt und ins Fahrzeug verschoben. Schwarze Reifenspuren auf der Straße. Zwei Autos sind offensichtlich frontal gegeneinander gefahren. Was ist passiert? Um Fragen zu Unfallhergang und Schuld zu klären, beauftragt die Staatsanwaltschaft bei schweren Unfällen umgehend einen Gutachter, der vor Ort den Ablauf rekonstruiert. Sein Gutachten dient als Grundlage für Entscheidungen vor Gericht –sein Ziel ist es also, die Unfallörtlichkeit möglichst genau zu vermessen, um den Unfallablauf plausibel und plastisch für den Richter darzustellen. Dafür haben der KfzSachverständige Franz Plöchinger aus Tiefenbach, einer von drei Unfallgutachtern aus der Region Passau, und Maschinenbauabsolvent Sebastian Schipfer aus Neukirchen vorm Wald eine neue Methode erprobt: die Vermessung per Drohne.

 

Drohne schießt Fotos und speichert GNSS-Daten

„Bisher wurden Unfallstellen von Sachverständigen vielfach noch von Hand vermessen – per Maßband oder Messrad und Notizblock“, erklärt Franz Plöchinger. Das Ergebnis sei eine Rekonstruktion in 2D gewesen. Setze man eine Drohne ein, könne ein 3D-Modell erstellt werden, bei dem man auch Neigungen der Straße oder Gräben im Raum erkennt. Gefälle, Sichtbehinderungen und Kuppen können sichtbar gemacht werden. „Der Vorteil für den Richter ist, dass er die Unfallstelle nun auch räumlich betrachten kann“, sagt Plöchinger.

Wie die Vermessung per Drohne funktioniert, erklärt Sebastian Schipfer, 22 Jahre alt, aus Neukirchen vorm Wald, der seine Bachelorarbeit im Fach Maschinenbau an der Technischen Hochschule Deggendorf zu diesem Thema verfasst hat. Die Drohne müsse man erstmal mit Software und Programmierungen pimpen – dann lässt man sie fliegen und Fotos in Draufsicht machen. Der Vermessungsbereich, Flughöhe und die Auflösung werden vorgegeben – auf dieser Basis werden vom Rechner der Fernsteuerung die Flugroute und die Zahl der erforderlichen Fotos berechnet. Daraufhin fliegt die Drohne die Route eigenständig ab, fertigt Luftaufnahmen und landet am Startort, ohne dass der Pilot noch einmal eingreifen muss.

„Die Drohne fliegt in einem Winkel von 90 Grad zum Boden und schießt Bilder mit 60 Prozent Überlappungen“, erklärt Schipfer. So kann man nicht nur eine Karte wie bei Google Maps zusammenbauen – sondern gleichzeitig ein 3D-Modell am Computer konstruieren. Während sie Fotos macht, speichert die Drohne nämlich gleichzeitig die GNSS-Daten – eine exaktere Version von GPS – und liefert so die Basis, um den Raum in 3D mit allen Höhen und Tiefen darzustellen. „Im nächsten Schritt kann man dann den Unfall simulieren“, erklärt Schipfer,“man gibt Werte wie Geschwindigkeit und Beschleunigung ein und lässt zwei Fahrzeuge virtuell gegeneinander fahren. So sieht man, wie der Unfall wahrscheinlich ausgesehen hat.“

Um sicherzugehen, dass die Messungen per Drohne auch stimmen, hat Schipfer sie mit dem Ergebnis der Vermessungen per Hand und per Laser verglichen.“Die Abweichung beträgt 1,2 Prozent. Das ist recht gut. Man kann sagen: Das System funktioniert“, erklärt der Maschinenbauabsolvent. Gutachter Plöchinger freut sich über die Ergebnisse der Bachelorarbeit – denn nicht geklärt war bisher die Frage nach der Genauigkeit und Reproduzierbarkeit der Ergebnisse von Drohnen.

Das Sachverständigenbüro Plöchinger in Tiefenbach betreibt seit den 90er Jahren Unfall und Schadensforschung. „Wir beschäftigen uns schon seit vielen Jahren mit der Optimierung der Vermessung“, erklärt Franz Plöchinger. Vor 15 Jahren sei sein Büro einer der Pioniere bei der Einführung der digitalen Vermessung per Laserstation gewesen, mithilfe derer digitale Unfallgrafiken erstellt werden konnten.

„In den letzten Jahren hat sich im Vermessungswesen ein Trend zur photogrammmetrischen Auswertung von Luftbildern entwickelt“, berichtet er. In der Jetztzeit würden zum Teil schon Drohnen eingesetzt, so Plöchinger, aber Drohnen aus dem Hobbybereich, deren Kameras nicht kalibriert sind. Dabei könne es zu großen Abweichungen vor allem bei der Neigung der Fahrbahn kommen, befürchtet er. Ein Problem, das ihn schon eine ganze Weile beschäftigt. An die Methode aber glaubt er: Die Vermessung per Drohne dauert laut Plöchinger nur 20 bis 30 Minuten – so könne eine gesperrte Unfallstelle wieder schnell für den Verkehr freigegeben werden. Allerdings sei der Nachbearbeitungsaufwand höher, bis die Fotos ausgewertet, das 3D-Modell erstellt und in die Simulationssoftware übertragen ist. „Im Vergleich zu bisherigen Vermessungsgeräten wie einem Laserscanner ist die Luftbildphotogrammetrie erheblich preisgünstiger. Die Genauigkeit wie mit teuren Laserscannern wird zwar nicht erreicht. Allerdings ist diese absolut ausreichend für die Zwecke der Unfallrekonstruktion. Das ist aber nur gesichert, wenn man die beschriebene Technik in Verbindung mit der in der Arbeit optimierten Auswertung mit dem genaueren Satellitensystem GNSS einsetzt“, erklärt er.

Unfallstelle kann schneller wieder befahren werden

„Die Ergebnisse haben uns voll überzeugt. Wir haben daher nochmal in neueste Drohnentechnik und Software investiert,“ erklärt Plöchinger. Eine Vermessungsdrohne mit entsprechender Software kostet laut Plöchinger rund 10 000 Euro. Für ihn eine Investition, die für viele Sachverständigenbüros gerade noch erschwinglich sein könnte. „Für ein Gutachten bekommt man ja immer gleich viel Geld, egal, mit welcher Methode man gearbeitet hat“, erklärt er, da nach Zeitaufwand abgerechnet werde und Kosten für angeschaffte Messgeräte selbst zu übernehmen sind.
Eine Kurzfassung der BachelorArbeit von Schipfer wird in der Fachzeitschrift „Verkehrsunfall und Fahrzeugtechnik“ veröffentlicht werden, wie sie stolz vermelden.

(Quelle: PNP)

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